Le Blog d'Edouard Husson

Die Entscheidung zur Vernichtung aller europäischer Juden. Versuch einer Neuinterpretation



In meinem vor kurzem erschienenen Buch « Nous pouvons vivre sans les juifs ». Novembre 1941, Paris, Perrin, 2005, setze ich mich mit der Frage des Entscheidungsprozesses, der zur Verallgemeinerung des Judenmords im Winter 1941/42 führt, auseinander. Gibt es nach den Studien von Burrin, Browning, Longerich und Brayard noch etwas über diese Fragestellung zu schreiben? Meine langjährige Beschäftigung mit den Historikerdebatten über den Nationalsozialismus (Comprendre Hitler et la Shoah, Paris, Presses Universitaires de France, 2
000) und meine jetzige Forschung über Reinhard Heydrich und die Entstehung des Vernichtungsapparates zur Verwirklichung der totalitären Ziele des Nationalsozialismus im Krieg haben mich aber davon überzeugt, dass:
- einerseits die Historiker nicht genug zwischen den drei Etappen eines Entscheidungsprozesses, nämlich der allmählichen Formulierung einer Absicht, der Entscheidung selbst und dann die Verwirklichung der Entscheidung, unterscheiden. Das hat sicher damit zu tun, dass der Entwicklungsrythmus der nationalsozialistischen Diktatur so hektisch war, dass die nächste Phase oft angefangen hat, bevor sich alle im Regime dessen bewusst geworden sind. Das hat auch mit der Fähigkeit des Regimes, zwischen zwei Entscheidungsniveaus zu unterscheiden: wir haben es mit einer totalitären Diktatur, in welcher die Autorität des Führers unanfechtbar ist; dieser begrenzt sich aber auf die Formulierung der (radikalen) Prinzipien, denen seine Politik folgt. Die Erfindung der Mittel zur Verwirklichung seiner Absichten überlässt er seinen Mitarbeitern und Untergeordneten (mit der Ausnahme des militärischen Bereichs). Es führt dazu, dass der Nationalsozialismus einerseits totalitär, andererseits zum großen Teil dezentralisiert (ich meine mit großem Freiraum für die Untergeordneten in der Auswahl der Mittel zum Zweck) regiert wird.
- Andererseits die Analyse der Entstehung des Genozids nicht systematisch mit der Entwicklung der hitlerschen diplomatischen und politischen Strategie verbunden wird. Seit Andreas Hillgrubers Studie über Hitlers Strategie in den Jahren 1940/41 ist diese Fragestellung nicht mehr systematisch untersucht worden. Man muss hinzufügen, dass Hillgruber sich damit begnügte, die Verflechtung zwischen der Vorbereitung des Russlandfeldzuges und der Radikalisierung der Judenverfolgung festzustellen, ohne wirklich zu zeigen, wie die beiden Bereiche sich bei Hitler gegenseitig beeinflussten.

Meine eigene Studie ist ein erster Versuch der Auseinandersetzung mit diesen beiden Aspekten des Entscheidungsprozesses. Und wenn ich mit einer eigenen Antwort auf die Frage eines hitlerschen Befehls zum Genozid (in welcher Form auch) komme, geht es weniger darum einen neuen Vorschlag zur Beantwortung einer Frage, die zum großen Teil ein Rätsel bleibt, als die (wahnsinnige) Kohärenz des hitlerschen Benehmens zu skizzieren. Der Diktator wollte nicht nur aus persönlichem Hass oder Rachegefühl und nicht nur aus ideologischer Überzeugung alle europäischen Juden ab dem späten Herbst 1941 vernichten lassen sondern aus der festen Überzeugung, ihre Ermordung würde ihm zum endgültigen und schnellen Sieg führen.

Es geht nicht darum die unbestreitbare Einzigartigkeit des Judenmords zu banalisieren sondern im Gegenteil darum, die Tatsache ernst zu nehmen, dass Hitler an die Realität einer internationalen jüdischen Verschwörung gegen sein Land glaubte. Wir leben in einer Epoche in welcher die sog. Protokolle der Weisen von Zion in vielen Ländern als ein echtes Dokument betrachtet werden und es kann uns nicht egal sein, festzustellen, wie weit der Glaube an eine sog. „jüdische Weltverschwörung“ eine Handzahl von deutschen Politikern am Anfang der 1940er Jahre führen konnte. Freilich begnügten sie sich nicht damit, wie viele Antisemiten im XIX. Jahrhundert, die Juden in Worten zu dämonisieren, sondern eroberten eines der modernsten Machtapparate mit dem doppelten Ziel der totalen Herrschaft über Europa und der totalen Eliminierung des jüdischen Lebens auf unserem Kontinent. Trotzdem bleibt die Frage offen, ob deren Benehmen ein Unikum in der Geschichte gewesen sein wird. Die geschichtliche Einzigartigkeit des nationalsozialistischen Judenmords heißt leider aber nicht, dass Menschen wie Hitler, Göring, Himmler, Heydrich und ein Vernichtungsapparat wie das RSHA für immer undenkbar geworden sind. Es sei denn wir uns daran erinnern und unseren Nachfahren weiter vermitteln, dass jede neue Welle des Glaubens an die Echtheit der Protokolle nicht unterschätzt werden darf. Für diejenige, die davon noch nicht überzeugt wären, lohnt es sich den tragischen Ausgang der ersten Verbreitung dieses Textes besser zu analysieren.

Jeder, der sich mit der Geschichte der im Herbst 1941 endgültig getroffenen genozidären Entscheidung auseinandersetzen will, muss zuerst die berüchtigte Erklärung Hitlers in seiner Rede am 30. Januar 1939, die die erste komplette Ankündigung einer genozidären Absicht bedeutet, näher analysieren. Die Androhung mit einer allgemeinen Eliminierung der europäischen Juden im Fall eines Weltkrieges wird hauptsächlich an die westlichen Demokratien gerichtet. Zwar wird von Hitler eine Anspielung auf den Bolschewismus gemacht. Aber seine Absichten gegenüber Osteuropa hat er schon in Mein Kampf formuliert: die Eroberung eines „Lebensraumes im Osten“. Dass er ständig vom „jüdischen Bolschewismus“ sprach war allen klar. Die Eroberung des Lebensraumes ging über die Zerstörung des „jüdischen Regimes“ in Moskau. Dass die sowjetischen Juden im Fall eines Krieges des nationalsozialistischen Deutschlands gegen die UdSSR furchtbar leiden würden, sollte allen, die die NS-Ideologie ernst nahmen, klar gewesen sein. Und die Planung der Tätigkeit der Einsatzgruppen zusammen mit der des Feldzuges im Frühling 1941 ist in dieser Perspektive nicht besonders schwierig zu verstehen. Es wird erst mit der Entwicklung im Sommer 1941 komplizierter: wie und warum sind die Polizeieinheiten von Himmler und Heydrich zum systematischen Mord aller sowjetischen Juden übergangen?

Lassen wir diese Frage vorläufig beiseite und kommen wir zu der Rede vom Januar 1939 zurück: oft wird übersehen, dass Hitler, wie alle modernen Antisemiten sich vorstellte, dass die heimliche „jüdische Weltregierung“ (wie in den Protokollen) solche Regime wie den Bolschewismus als Korruptionsfaktor der alten europäischen „Kultur“ ausnutzten, um den langfristigen Sieg ihrer finanziellen Interessen in Europa und in der Welt zu sichern. Vom Bolschewismus zerstörte Staaten und Volkswirtschaften seien finanziell leichter zu erwerben; daher die Strategie des „Weltjudentums“, der sich nicht nur damit begnügen würde seine Positionen in London oder New York zu stärken, sondern von dort aus neue finanzielle Eroberungsfeldzüge planen würde.

Schon Anfang 1939 kann sich Hitler vorstellen, dass die Vereinigten Staaten und Großbritannien ihn daran hindern könnten, seine Herrschaft über (Ost)Europa zu etablieren. In Mein Kampf kriegen wir zu lesen, dass Großbritannien, wenn es seinen Interessen folgen würde, sich mit Deutschland verbünden sollte. Eine Teilung der Herrschaftsgebiete wird vorgeschlagen: Kontinentaleuropa an Deutschland; und Großbritannien darf sein Kolonialreich erhalten. London sollte sich aber dessen bewusst werden, schreibt Hitler, dass die Vereinigten Staaten die größte Gefahr für die Erhaltung der britischen Seeherrschaft bedeuten; daher die umso größere Bedeutung eines Bündnisses mit Berlin.

Als er an die Macht gekommen war, konnte Hitler trotz seiner spektakulären diplomatischen Erfolge feststellen, dass London sich zu keinem Bündnis verpflichten wollte und vor allem die militärische Expansion des nationalsozialistischen Reichs mit immer größerer Sorge betrachtete. Ab 1938 konnte er auch wahrnehmen, dass Roosevelt ihm nicht besonders freundlich besinnt war. Dafür hatte er aber eine Erklärung parat: London wie Washington würden zum Teil von Juden beeinflusst werden. Es sei der jüdische Einfluss, der evtl. London von einem sonst selbstverständlichen Bündnis abhalten würde und Washington dazu bringen könnte, eine vorzeitige Kraftprobe zu suchen (für Hitler war die Auseinandersetzung unvermeidbar aber erst in der nächsten Generation, nachdem Deutschland seine Herrschaft über Europa etabliert hätte und wenn sich die Frage der Weltherrschaft stellen würde).

Daher die am 30. Januar 1939 formulierte Erpressung: weniger an die Regierungen selber als an die „die Fäden ziehenden Juden“: sollte Deutschland sein europäisches Schicksal nicht verwirklichen können, würden die europäischen Juden das erste Ziel der nationalsozialistischen Gewalt sein. Die europäischen Juden hatten aber nicht nur ein Wert als Geiseln aus der Perspektive Hitlers, wie viele Historiker das richtig hervorgehoben haben. Sie wurden von der NS-Führung als Agenten des „Weltjudentums“ betrachtet und sollten im Fall eines Konfliktes deshalb beseitigt werden: nicht nur die sowjetischen Juden als Träger des „jüdischen Bolschewismus“ sondern alle europäische Juden, auch die Träger des Liberalismus, des demokratischen Sozialismus, des Pazifismus usw.…Aus der Perspektive Hitlers müsse sich Deutschland nicht nur, wie Ernst Nolte es artifiziell überspitzt hat, gegen den „jüdischen Bolschewismus“ sondern auch gegen die „westliche Zivilisation“ und den Kapitalismus wehren. Da die europäischen „Ostjuden“ seit dem XVIII. Jahrhundert immer wieder nach Westeuropa und nach Amerika ausgewandert sind, um die dortigen jüdischen Gemeinden zu stärken glaubt Hitler ernst daran, dass er eine wirkungsvolle Erpressung formuliert.

Im Winter 1938/39 ging es Hitler nicht nur darum, die Regierenden in London und Washington, die er als reine „Hampelmänner“ der Juden betrachtete, mit an die Drahtzieher zu richtenden Nachrichten zu beauftragen, sondern und vor allem Regierungswechsel in den westlichen Demokratien zu ermöglichen, die Deutschland gegenüber freundlich besinnte Regierungen an die Macht bringen würden. Die gezwungene Auswanderung der im Reich lebenden Juden sollte dazu helfen, den Antisemitismus in den Empfangsländern steigen zu lassen und dann die Entstehung von lokalen radikalen antisemitischen bzw. faschistischen Parteien, die entweder an die Macht gelangen würden oder mindestens die Regierung ihrer jeweiligen Länder zu einer deutschlandfreundlichen Politik leiten würden. Die Rede am 30. Januar 1939 zeugt von einer partiellen Ratlosigkeit Hitlers, der sich vorgestellt hatte, dass die westlichen Demokratien ihren von ihm verachteten humanitären Prinzipien treu bleiben würden und die aus dem Reich vertriebenen Juden in Massen empfangen würden.

Betrachten wir die Reihenfolge der Evian-Konferenz (Juli 1938), der sog. Reichskristallnacht (November 1938) und der Reichtagsrede am 30. Januar 1939. Da die Demokratien ihren humanitären Prinzipien nicht folgen wollten, wie das klägliche Scheitern der Konferenz gezeigt hat, hat Hitler mit der Zusage an den von Goebbels und den SA inszenierten Pogromen in ganz Deutschland u.a. der internationalen Öffentlichkeit zeigen wollen, er würde nie wegen Mangel an Zusammenarbeit auf der Seite des Westens auf seine Ziele verzichten. Das deutsche Reich solle „judenfrei werden“ und da der Westen nicht mitmachen würde, würde das Reich die sowieso geplante Expansion nach Osteuropa ausnutzen, um „die Judenfrage zu lösen“. Die Reichskristallnacht war nicht nur ein Zeichen an die deutsche Öffentlichkeit, die sich in der Sicht von Hitler zu sehr über den „geretteten Frieden“ gefreut hatte und ihn als Friedenstifter Ende September 1938 bejubelt hatte. Sie sollte eine Bedeutung für das Ausland haben. Da in den Augen von Hitler die „Entfernung der Juden“ eine Voraussetzung für die Errichtung einer nicht mehr in Frage gestellten deutschen Herrschaft über Europa war, sollte die „Reichskristallnacht“ den „westlichen Demokratien“ klar machen, dass Hitler auf jeden Fall die in Mein Kampf formulierten miteinander verflochtenen Ziele verwirklichen würde. Entweder der Westen würde verstehen, dass es in seinem Interesse lag, Hitler in seiner antijüdischen Politik zu helfen – das hieß auch seine Expansionspolitik dulden; oder er würde feststellen müssen, dass Hitler es bis zum bitteren Ende führen würde und evtl. alle europäischen Juden eliminieren würde.

Wenn man die damals innerhalb der SS verbreiteten Vorstellungen betrachtet, die eine Vernichtung der deutschen Juden implizierten, kommt man zu dem Schluss, die Reichskristallnacht sei auch von der NS-Führung als die erste Etappe einer von allen Ländern mit Deutschland geteilten „Lösung der Judenfrage“. Die Zerstreuung der zum Auswandern gezwungenen Juden in mehreren Ländern würde dazu führen, dass jedes Land seine eigene „Lösung der Judenfrage“ in Kraft setzen würde. Das Reich würde dabei eine Musterrolle gespielt haben („Antisemiten aller Länder vereinigt euch“). Eine andere Möglichkeit, die damals in den NS-Kreisen schon vertreten wurde und die in dem Madagaskarplan ihre Zuspitzung finden würde, war die einer internationalen Vereinbarung, die zur „Reinstallierung“, eigentlich zur Deportation aller Juden in ein bestimmtes Territorium führen würde. Wichtig war für Hitler ein internationales Klima zu stiften, in welchem seine antisemitische Politik angenommen wird. Es hieß auch: in welchem seine Expansionspolitik angenommen wird. Dass der Westen keine auswandernden Juden annehmen wollte interpretierte er als eine weitere Manipulation der Juden, die ihre Agenten am Ort behalten wollten. Die heimliche „jüdische Weltregierung“ sollte sich aber klar machen, dass sie jede Kraftprobe verlieren würde, weil Hitler ein rationaler Antisemit sei, d.h. einer der die Strategie des Hauptfeindes verstehen würde und immer eine Antwort parat hätte.

Der Nationalsozialismus war ein totalitärer Imperialismus, d.h. ein Totalitarismus, der einen totalen Expansionskrieg brauchte, um seine Endziele verwirklichen zu können. Der Beginn des Polenfeldzuges bedeutete schon eine Verschärfung der antijüdischen Verfolgung. Im September 1939 wiederholte sich in einer härteren Art und Weise der Zyklus, den man schon seit dem Anschluss Österreichs erlebt hatte. Der Radikalisierung der Verfolgung (September 39-Juni 40 in Polen wie März 38-November 38) folgte bald der Versuch, eine „internationale Lösung“ der Judenfrage zu finden (die Verwirklichung des „Madagaskar-Planes“ war ohne Zustimmung Großbritanniens und der Vereinigten Staaten undenkbar genau wie die Phase von der gezwungenen Auswanderung von den Evian-Gesprächen und dann von den diplomatischen Sondierungen von Schacht und Göring begleitet wurden). Die Unmöglichkeit einer internationalen Vereinbarung, nachdem Hitler Großbritannien weder besiegt noch zu einem Waffenstillstand gebracht hatte, bedeutete aber eine neue Radikalisierung der nationalsozialistischen Pläne gegen die Juden, in welcher Hitler eine entscheidende Rolle spielte.

Ich möchte auch hervorheben, dass die ideologische Überzeugung, man habe mit einer internationalen Verschwörung zu tun, ein strukturelles Pendant im Machtapparat hatte: die Entwicklung einer geheimdienstliche antijüdischen Kampfmaschine innerhalb der SS unter der Führung von Reinhard Heydrich wurde in der Rede am 30. Januar 1939 von Hitler mit Anspielung erwähnt. Wie von Michael Wildt gezeigt worden ist, bemühte sich Heydrich, schon ab 1935 und dann immer zielstrebender ab 1938, aus dem SD und der Gestapo die unersetzlichen Instrumente der antijüdischen Politik zu machen. Genau wie Hitler (und Himmler) war Heydrich von potentiellen Verschwörungen besessen und wie bei seinen zwei Übergeordneten implizierte die Zentralität der Juden in der Definition des Feindes eine ständige Radikalisierung der Verfolgung im Laufe des Krieges. Man muss sogar feststellen, dass Hitler und die NS-Führung den Zeitpunkt der totalen Mobilisierung der deutschen Gesellschaft verschoben, weil sie davon überzeugt waren, die totale Bekämpfung der Juden sei der kürzere Weg zum Sieg.

Heydrich kennzeichnete sich durch seine Fähigkeit, Gesamtkonzepte für die antijüdische Politik vorzuschlagen. Nach der Reichskristallnacht wurde die in Österreich erprobte Erfahrung der Zwangsauswanderung auf das gesamte vom Reich beherrschte Staatsgebiet erstreckt. Die Vermehrung der unter deutscher Herrschaft lebenden Juden nach der Eroberung Polens brachte aber Himmler und Heydrich im Gegenteil in Schwierigkeit innerhalb des Machtapparates, weil sie nicht sofort in der Lage waren, ihre antijüdischen Pläne zu verwirklichen. Trotzdem verzichtete Heydrich nie auf die Vorstellung, es sei möglich langfristig eine „Gesamtlösung der Judenfrage“ in Europa in Kraft zu setzen. Er schaffte es, das RSHA (sein „Ministerium des Terrors“) als die treibende Kraft hinter dem „Madagaskar-Plan“, der eigentlich zuerst im Auswärtigem Amt ausgearbeitet worden war, zu installieren. Vor allem nutzte er wie kein anderer in der NS-Führung die Perspektive, die der Russland-Feldzug anbot.

Erst der Russland-Feldzug brachte der NS-Führung die Möglichkeit, mit einer Planung der „Endlösung der Judenfrage in Europa“, die nach den eigenen Vorstellungen verwirklicht werden würde, anzufangen. Oder präziser gesagt: die Perspektive der Eroberung der Sowjetunion eröffnete die Möglichkeit einer „territorialen Lösung“, die sich ohne Druck der internationalen Öffentlichkeit verwirklichen lassen würde. In Polen hatte das Projekt eines „Reservats Lublin“ keine Chance wegen der Opposition des Generalgouverneurs Hans Frank gehabt. Was „Madagaskar“ anbelangte, hatten Himmler und Heydrich mit der Einmischung des Auswärtigen Amtes rechnen müssen. Aber im Januar 1941 war Heydrich in der Lage einen Plan für die „Endlösung der Judenfrage in Europa“ Hitler, Himmler und Göring vorzuschlagen, die in der einzigen Verantwortung der SS liegen würde.

Überall wird in der wissenschaftlichen Literatur behauptet, der von Heydrich im Januar 1941 vorgestellte Plan sei verloren gegangen. Ich vertrete aber die Ansicht, man habe diesen Plan noch: wenn nicht in der Originalfassung, mindestens eine Skizze davon. Wenn man nämlich es versucht, das Protokoll der Wannsee-Konferenz zu analysieren, ist der Text weit hinter der Realität des Genozids am Anfang des Jahres 1942. Würde man aber das Datum der im Protokoll besprochenen Planung nicht kennen, würde man ohne Zweifel an der Entwicklung der Judenverfolgung im Januar 1941 denken. Es wird von der Autorität der SS über den Prozess der Judenverfolgung gesprochen, eine Frage, die erst ab Anfang 41 gestellt werden konnte. Die entwickelte Perspektive einer allgemeinen Deportation nach dem Sieg über die Sowjetunion, einer Zwangsarbeit der Deportierten im Dienst der „Kolonisierung des Lebensraumes“ und einer Erschießung der der Zwangsarbeit überlebt Habenden ist eine sehr plausible Planung für den Januar 1941 unter der Federführung von Heydrich.

Ich möchte hier daran erinnern, dass die NS-Führung im ersten Semester 1941 sich selbst davon überzeugte, dass der Sieg über die Sowjetunion innerhalb von circa 6 bis 8 Wochen erreicht werden würde. Nach dem Sieg würde die Deportation anfangen können, zuerst die Deportation aus dem Reich und dann aus ganz Europa von Westen nach Osten. Ich möchte auf die chronologische Entwicklung aufmerksam machen, die ab Ende Juni 1941 tatsächlich abläuft.

- Ende Juli: nach circa 6 Wochen Russland Feldzug lässt Heydrich von Göring bestätigen, er habe die Oberhand über die „Endlösung der Judenfrage in Europa“.
- Er möchte schon Mitte August, circa 2 Monaten nach dem Angriff gegen die Sowjetunion mit den Deportationen aus dem Reich anfangen.
- In der zweiten September-Hälfte einigen sich Hitler, Himmler und Heydrich über den Anfang der Deportationen. Im Unterschied zu Jäckel und Burrin glaube ich nicht, dass die Treffen zwischen den drei Männern in der vorletzten September-Woche die Shoah in ihrer endgültigen Form sondern die Verwirklichung des Heydrich-Plans trotz des unbeendeten Russland-Feldzuges betrafen.
- Für Anfang Dezember wurde eine Konferenz geplant, in welcher die Vertreter des Staatsapparates, deren Hilfe gebraucht war, von der Gesamtorganisation der „Endlösung der Judenfrage in Europa“ informiert werden sollten. Die Konferenz fand tatsächlich am 20. Januar 1942 statt und die Teilnehmer bekamen ein Gesamtkonzept zur Kenntnis, das dem Stand der Planung vor dem Anfang von Barbarossa entspricht. Heydrich berichtete in der Wannsee-Konferenz von seiner Planung einer „Endlösung der Judenfrage in Europa“, wie er sie aus der Perspektive eines schnellen Sieges formuliert hatte. Was für einen Sinn im veränderten Kontext des länger dauernden Konfliktes diese wörtlich aufgenommene Planung nahm, besprechen wir später.

Der Inhalt des Protokolls der Wannsee-Konferenz liegt weit hinter der Realität des schon im Sommer 1941 in der Sowjetunion durch die Einsatzgruppen in Gang gesetzten und seit dem Herbst in Polen weitergehenden Genozids zurück. Das vorliegende Konzept hatte aber den Vorteil, genozidäre Züge zu beinhalten, ohne die anwesenden Staatssekretäre unnötig zu erschrecken. Dazu kommt, dass die Staatsekretäre, die eingeladen worden waren, eigentlich nur mit der Frage der Deportation zu tun haben sollten. Was den Juden „im Osten“ geschehen würde, betraf sie nicht.

Alles passiert, als ob Heydrich mit Genehmigung von Hitler, Göring und Himmler eigentlich die Organisation und Inkraftsetzung des Anfang 1941 geplanten Deportationengesamtprozesses der europäischen Juden nach Nord- oder Ostrussland nach dem von den Nazis als unvermeidbaren und schnellen betrachteten Sieges weitergeführt hätte, trotz des Widerstandes der Sowjetunion. Das typisch Nationalsozialistische besteht m. E darin, dass das Projekt des (allmählichen) Genozides von der Kriegsentwicklung überhaupt nicht in Frage gestellt wurde. Im Gegenteil wurde er schon deshalb fortgesetzt, weil die „Bekämpfung der Juden“ ein wesentlicher Teil der hitlerschen Strategie war. Das Benehmen von Heydrich entsprach völlig der Weltanschauung von Hitler: man sollte das Judenmord umso mehr verwirklichen, als der Krieg gegen die Sowjetunion schwieriger als erwartet war.

Was die Ermordung der sowjetischen Juden anbelangt, muss man zwei Aspekte hervorheben. Einerseits wurde die systematische Vernichtung der jüdischen Männer in der Sowjetunion vom Anfang an, d.h. schon im Frühling 1941, erwogen. Sie gehörte der Gesamtplanung des Weltanschauungkrieges gegen den „ jüdischen Bolschewismus“. Sie wurde also simultan mit dem Plan einer Deportation aller europäischen Juden nach der Eroberung des Lebensraumes geplant. Parallel liefen auch die Initiativen von Heydrich, der sich Ende Juli 1941 von Göring seinen Auftrag für die Gesamtdeportation bestätigen ließ und die Tätigkeit von Himmler in der Sowjetunion, der Einheiten der Waffen-SS den Befehl erteilte, jüdische Frauen und Kinder in den Erschießungen zu integrieren. Die Intensivierung der Erschießungen und die Entwicklung eines Genozides der sowjetischen Juden lief parallel mit der grundsätzlichen Entscheidung innerhalb der NS-Führung den Heydrich-Plan vom Januar 1941 zu beginnen, ohne auf den Zusammenbruch des Stalin-Regimes zu warten. Beide sollten den Sieg bringen, der auf sich warten ließ.

Die Entwicklung des Spätsommers und des Herbstes 1941 ist dann m.E. leichter zu verstehen. Einerseits wurde immer offensichtlicher, dass der Raum zur Deportation und Zwangsarbeit nicht sofort zur Verfügung stehen würde. Es wurde die Vorstellung einer vorläufigen Installierung der Deportierten im Generalgouvernement (oder in den baltischen Ländern) bis zur zweiten Deportationsphase entwickelt. Aber da waren Himmler und Heydrich wieder mit der Opposition von Frank konfrontiert. Parallel erlebte der hitlersche Antisemitismus eine Steigerung, weil immer klarer wurde, dass der Krieg dauern würde. Und, drittens, wie Peter Longerich es gezeigt hat, verbreiteten sich die genozidären Maßnahmen, die in der Sowjetunion angefangen haben.

Ich habe es in meinem Buch versucht, die Chronologie des Entscheidungsprozesses zwischen Ende September und Ende Januar aus dieser dreifachen Perspektive (Verwirklichung des Heydrich-Plans, Absichten von Hitler, Initiativen von unten)zu rekonstruieren.

- Himmler und Heydrich machen weiter mit der Vorbereitung der „Endlösung der Judenfrage in Europa“ und das mit der Genehmigung von Hitler. Ihnen ist klar, dass der unbeendete Krieg eine Zwischenetappe für die Deportierten notwendig macht. Da aber die betroffenen „Reinstallierungsräume“ knapp sind, müssen schon Juden am Ort ermordet werden, bevor sie in das geplante Zwangsarbeitterritorium im Osten ankommen. Selbstverständlich werden die „Arbeitsunfähigen“ zu prioritären Opfern aber die Verbreitung des in der Sowjetunion schon angefangenen Genozids bedeutet, dass auch im Generalgouvernement und im annektierten Polen alle ermordet werden können. Davon zeugen die Entstehungsgeschichte von Belzec und von Chelmno.
- Die Eroberung von Kiew hat die letzte Euphoriewelle bei Hitler ausgelöst. Ab Mitte Oktober wird klar, dass die Sowjetunion nicht zusammengebrochen ist, wie man es erwartet hatte. Die zunehmende Wut, von der Hitler besessen ist, wird von vielen notierten Äußerungen von ihm belegt. Zwischen Ende Oktober und Ende November ist eine grundsätzliche Entscheidung getroffen worden. Wie immer bei Hitler, was die „Judenfrage“ angeht, wird nichts direkt ausgedrückt. Ich gehe aber davon aus, dass der 9. November immer der entscheidende weil existentielle Termin bei Hitler gewesen ist und diese Arbeitshypothese passt m.E. gut mit den Zitaten und Äußerungen, die uns überliefert worden sind. Wenn man Hitlers Tischgespräche und andere Äußerungen von ihm sehr genau analysiert, versteht man warum Rosenberg, der immer zu den Vertrauten des Führers gehörte, Mitte November deutsche Journalisten über die Realität der allgemeinen physischen Eliminierung der europäischen Juden informieren konnte.
- Da ich zwischen den drei Etappen der Formulierung einer Genozidären Absicht, der Entscheidung, das Genozid zu verwirklichen, und der allmählichen Verwirklichung der Entscheidung unterscheide, hoffe ich jede Vereinfachung vermieden zu haben. Ich hebe es hervor, wie „dezentralisiert“ in der Verwirklichung der grundsätzlichen Entscheidungen das Dritte Reich immer funktionierte. Erst allmählich wurde die im November 1941 getroffene Entscheidung Realität und sie bedeutete nie eine vollständige Homogeneität der Tötungsmethoden. Diese wurden immer der lokalen Realität angepasst. Daher die bei einigen Historikern verbreitete Ansicht, die Initiativen von unten seien der Motor der Mordmaschinerie gewesen. Ich teile aber nicht die Ansicht von Dieter Pohl, Berlin sei im Grunde ein „Überbau“ gewesen; die Shoah sei im Grunde nur durch eine Geschichte der lokalen Entscheidungen befriedigend zu rekonstruieren. Ich arbeite eher mit dem Begriff der „preußischen Freiheit“, den Himmler auf die SS anwandte. Wie in der preußischen Armee hatten die Männer der Sipo und der anderen Mordeinheiten viel Freiraum zur Auswahl der praktischen Mittel in der Durchsetzung eines Befehls. Der Übergeordnete behielt aber ständig ein absolutes Vetorecht (wie die von Breitman entdeckte Episode des Telegramm Himmlers an die Sipo in Riga Ende November 1941 zeigt) und keine neue Etappe des Entscheidungsprozesses konnte ohne ihn betreten werden. Der Begriff der „preußischen Freiheit“ erklärt am besten den Befehlsstil von Himmler und Heydrich in den entscheidenden Monaten des Übergangs zum tatsächlichen Genozid (Juni 1941-Juni 1942).

Christian Gerlach hat die These vertreten, der Kriegsbeitritt der Vereinigten Staaten habe die Verwirklichung der „Prophetie“ des 30. Januar 1939 bedeutet und er situiert deshalb die letzte Entscheidung, die zum Genozid führt, in der ersten Dezemberhälfte, also nach der Kriegserklärung an die USA. Diese entsprach aber keiner geopolitischen Notwendigkeit. Sehr auffallend ist, dass Hitler den Vereinigten Staaten den Krieg erklärt, und nicht umgekehrt. Aus seiner Perspektive war aber das Reich schon seit September im impliziten Kriegszustand mit Washington. Und Hitler scheint mir, die Entscheidung zur sofortigen Verallgemeinerung des Genozids, deshalb getroffen zu haben, weil er daran glaubte, dass die Ermordung der europäischen Juden Roosevelt noch davon abhalten konnte, dem Krieg beizutreten. Pearl Harbour bedeutete aber eine Beschleunigung der Ereignisse und die Kriegserklärung an die USA erscheint dann als eine Legitimierung der einen Monat vorher getroffenen Entscheidung.

Dass die Wannsee-Konferenz verschoben wurde hatte sicher mit dem Kriegsbeitritt der USA zu tun, aber in dem Sinne, dass der Rhythmus der Verwirklichung des Judenmords sich geändert hatte. Ab dann entschieden die SS und die Partei allein über die „Lösung der Judenfrage in Europa“. Ihre Vertreter mussten zuerst über die schon getroffene Entscheidung informiert werden. Die Vertreter der Ministerien spielten ab Ende 1941 eine geringere Rolle. Für den östlichen Teil der Endlösung, der hauptsächlich durch Erschießungen verwirklicht wurde, brauchte man deren Hilfe nicht; die polnischen Juden wurden nicht in die Richtung Sowjetunion weiter deportiert werden müssen. Nach einem alten himmlerschen Prinzip brauchten sie nur das zu erfahren, was für deren Zusammenarbeit notwendig war. Das ein Jahr alte Heydrich-Konzept genügte. Über die präzisen Mordmaßnahmen brauchten sie nichts zu erfahren.

Wahrscheinlich ist die Bedeutung der Wannsee-Konferenz lange überschätzt worden. Sie wäre entscheidend gewesen, wenn das Dritte Reich die Sowjetunion im Herbst 1941 besiegt hätte. Dann hatte die NS-Führung es vor, alle europäischen Juden ins eroberte Gebiet zu deportieren und dort einem mittel- oder langfristigem genozidären Prozess auszusetzen (nach dem Muster des Armeniermordes). Da aber die militärischen Erwartungen von Hitler nicht erfüllt wurden, mussten die europäischen Juden kurzfristig ermordet werden. Die erste Etappe der Radikalisierung war der Anfang des Genozids in der Sowjetunion; die zweite wurde die Entscheidung, nicht auf das Ende des Krieges zu warten, um mit der „Endlösung der Judenfrage in Europa“ anzufangen. Dies bedeutete aber, dass jede Perspektive einer „Vernichtung durch die Arbeit“ weggelassen würde. Die Juden sollten unmittelbar ermordet werden. Davon erfuhren die Vertreter des Staates im Wannsee wahrscheinlich wenig (man muss die Erklärungen von Eichmann während seines Prozesses mit großer Vorsicht betrachten). Hitler hatte im November 1941 eine grundsätzliche Entscheidung getroffen, die nach seiner Vorstellung den Sieg des Reiches im Weltkrieg versichern sollte; davon hatte er die Reichs- und Gauleiter im Dezember informiert. Sie wussten viel mehr als die Hohen Beamten am 20. Januar erfahren würden.

Ich stimme Peter Longerich und Florent Brayard zu, wenn sie weitere wichtige Etappen hervorheben, wie z.B. die Beschleunigung des Mordrythmus nach dem Attentat gegen Heydrich Ende Mai 1942. M.E gehört es aber der Geschichte der Verwirklichung einer schon 7 Monate vorher getroffenen Entscheidung. Auch wenn die Analyse der Funktionalisten und die Geschichte der unteren Entscheidungsreihen im Vernichtungsapparat viel gebracht haben, darf man nicht vergessen, dass eine Handzahl von NS-Führern den point of no return zuerst überschritten hat und dass die Analyse des Genozides von der der geostrategischen Überlegungen und Erwägungen von Hitler im Jahre 1941 nicht getrennt werden darf. Als von der Echtheit der Protokolle der Weisen von Zion Überzeugter, war er noch im Herbst 1941 der Meinung, dass die Ermordung der europäischen Juden die erwünschte Hegemonie seines Reiches auf dem Kontinent viel sicherer als jede andere Form eines „totalen Krieges“ ermöglichen würde.


Lundi 21 Août 2006
Edouard Husson